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Interview for german magazine "Der Spiegel" in New York


August 26, 2009

 

 

"Alle haben an mir gezerrt" Die ehemalige Tennisspielerin Anna Kurnikowa über frühen Ruhm und schnelles Geld, ihr Leben als globale Werbe-Ikone den Blick auf ihren verschwitzten Bauchnabel

Frau Kurnikowa, Sie haben gerade nicht besonders viel zu tun, oder?
Anna: "Das Gegenteil ist der Fall, mein Terminkalender ist voll. Dabei müsste ich eigentlich nichts mehr tun, ich könnte den ganzen lieben Tag am Strand liegen. Will ich aber nicht. Ich arbeite zum Beispiel als Botschafterin für eine große Jugendorganisation in den Vereinigten Staaten. Und ich war im Auftrag einer Gesundheitsorganisation auf Haiti, dort habe ich Moskitonetze und Kondome verteilt. Aber sagen Sie mir: Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich viel Freizeit habe?"

Ganz einfach: Vor gut neun Jahren haben wir Sie schon mal um ein Gespräch gebeten, damals haben wir unzählige Faxe an Sie geschickt, Ihr Management wollte von uns wissen, ob es eine Titelgeschichte wird, ob wir Ihre Sponsoren in dem Artikel erwähnen, wir sollten alle unsere Fragen vorab schicken. So kam das Interview nie zustande. Dieses mal war eine einzige E-Mail nötig, um einen Termin mit Ihnen zu bekommen, ohne Auflagen.
Anna: "Ich war Tennisprofi, das ist ein 24-Stunden-Job. Da konnte ich unmöglich jeden Wunsch nach einem Interview erfüllen. Und ich war erst 19 Jahre alt. Andere Dinge waren mir wichtiger. Wann kann ich trainieren? Welche Nummer hat mein Hotelzimmer? Wann gibt es Essen? Gegen wen spiele ich? Wann werde ich massiert? Wenn ich das wusste, war ich glücklich und zufrieden."

Und heute?
Anna: "Ist das anders. Ich bin älter geworden, auch reifer. Zu jener Zeit haben meine Berater mich extrem abgeschirmt, das hat mir bei vielen Journalisten den Ruf eingebracht, arrogant zu sein. Inzwischen bin ich aber mein eigener Chef, ich bin beteiligt an den Dingen, die mich betreffen, ich entscheide, ich bringe mich ein. Ich höre oft: 'Es ist nicht zu glauben, wie sehr Sie sich verändert haben.' Was denken diese Leute bloß? Menschen entwickeln sich. Es wäre ja schlimm, wenn ich mich immer noch wie ein Teenager verhalten würde."

Keine Sportlerin der Welt wurde damals besser bezahlt als Sie...
Anna: "...und dafür habe ich hart gearbeitet. Aber so irre viel Geld habe ich auch wieder nicht verdient."

Na ja! Allein 1999 waren es 14 Millionen Dollar, und es heißt, vor Ihrem 18.Geburtstag hätten Sie bereits 50 Millionen nur mit Werbung kassiert.
Anna: "Wo ist das Problem? Ich war in einer Position, in der ich die Möglichkeit hatte, verschiedene Unternehmen zu repräsentieren. Und ich habe diese Möglichkeiten genutzt."

Kaum eine Frau hat man so häufig fotografiert wie Sie, Ihr Gesicht war auf dem Titel der "Cosmopolitan", auf dem Cover von "Esquire" und "Forbes". Von keiner Sportlerin wurden mehr Bilder aus dem Netz heruntergeladen. Es gab mehr als 20000 Seiten im Internet, die nur Ihnen gewidmet waren, sie hießen "Anna at the Temple of Babes", "Upskirts Anna" oder etwa "The Annamaniacs Page"...
Anna: "...wow! Ich meine zwar, es waren viel mehr Seiten, aber wie auch immer, es ist ziemlich verrückt und ziemlich witzig."

Turnierveranstalter haben mehr Eintrittskarten verkauft, wenn Sie spielten, Fans prügelten sich um Ihre feuchten Handtücher, in Wimbledon sprang ein Verehrer auf den Platz und lief eine Ehrenrunde um Ihren Stuhl. Und bei den Australian Open hielt ein Bewunderer ein Plakat hoch mit dem Spruch: "Und am siebten Tag erschuf Gott Anna K." Haben Sie die Aufregung um Ihre Person jemals verstanden?
Anna: "Ich habe damals nie darüber nachgedacht, alles kam mir ganz normal vor, ganz natürlich. Ich war zehn, als ich nach Amerika gekommen bin, ich ging auf die Tennisakademie von Nick Bollettieri in Florida. Noch im selben Jahr erschien ein Artikel über mich in der "New York Times". Von da an stand ich pausenlos im Rampenlicht. Ich kannte es nicht anders."

Und wie beurteilen Sie diesen Hype, wenn Sie nun zurückblicken?
Anna: "Dann kommt mir das alles eigenartig vor. Aber nicht auf eine kranke Art eigenartig, sondern auf eine coole."

Wann ist Ihnen das erste mal bewusst geworden, welchen Wert ihr Aussehen für Sie als Sportlerin hat?
Anna: "Mir ist dieser Wert bis heute nicht bewusst. So besonders bin ich doch gar nicht."

Was hat die Aufregung denn dann ausgelöst?
Anna: "Ich schätze, ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich war zu einer Zeit aktiv, in der Frauensport, ganz besonders Frauentennis, immer populärer wurde, die Wirtschaft boomte, das Internet verbreitete sich schnell und bot den Vermarktern neue Möglichkeiten. Und dann war da eben ein junges Mädchen, das in der Sowjetunion aufgewachsen ist, fließend Englisch sprach und den Ball ganz ordentlich getroffen hat."

Sie waren das erste Pin-Up-Girl des Sports, haben aber nie ein Profiturnier im Einzel gewonnen. Sind Sie der erfolgloseste Superstar aller Zeiten?
Anna: "Es gibt hunderttausende hübscher Mädchen, aber wie viele davon spielen professionell Tennis? Und es gibt Hunderte, nein, nicht Hunderte, mehrere Dutzend hübscher Mädchen, die professionell Tennis spielen, aber wie viele davon sind so gut wie ich es war? Wenn ich nur die Nummer 50 oder 100 der Weltrangliste gewesen wäre, hätte ich nie diese Aufmerksamkeit erfahren."

Sie haben den Ruhm schon genossen, oder?
Anna: "Genossen ist das falsche Wort. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht mal, ob ich den Trubel gemocht habe. Es ließ sich eben nicht ändern. Heute wundere ich mich was für Dinge über eine 15-jährige geschrieben wurden. Es ist komisch. Es ist gruselig. Wenn ich jetzt sehe, wie die Medien über die Stars in diesem Alter berichten, etwa über die Sängerin Miley Cyrus, da denke ich: Entspannt euch, laßt sie groß werden, sie darf Fehler machen. Und dass es Journalisten gibt, die sexuelle Anspielungen machen bei einem 16-jährigen Mädchen, bei einem Kind, das finde ich ungeheuerlich. Wenn ich meine Mutter wäre, dann wäre ich zu einigen Leuten gegangen und hätte gefragt: Was um alles in der Welt macht ihr da?"

Das ist aber nicht passiert.Waren Sie damals fremdbestimmt?
Anna: "Ich habe oft nein gesagt, wenn das Management etwas von mir wollte. Die Leute denken ja, ich hätte jeden Tag ein Fotoshooting gemacht. Tatsächlich waren es aber nur zwei pro Jahr. Die Turnierdirektoren, die Reporter und Sponsoren, alle haben an mir gezerrt, in jede Richtung: Anna hierhin, Anna dorthin. Allein hätte ich das nicht bewältigen können. Ich war jung und naiv, aber nicht fremdbestimmt."

Als Sie 18 Jahre alt waren, erschienen Sie auf einem Bankett der Women's Tennis Association auf 15 Zentimeter hohen Absätzen, in schwarzem Netzkleid und BH in Leopardenfellmuster. Wessen Idee war das?
Anna: "Meine. Mir hat nie jemand gesagt, was ich anziehen soll."

Haben Sie den Leuten vielleicht unbewusst gegeben, was sie sehen wollten?
Anna: "Nein, ich war eine junge Frau, die Mode mochte. Damals hat doch jede Miniskirts getragen - warum sollte ich das nicht auch tun dürfen? Ich habe Fotos in Modemagazinen gesehen, die mir gefallen haben, und dann habe ich mich eben so angezogen. Es hat mir einfach Spaß gemacht, mich hübsch zu machen. Und es macht mir nach wie vor Spaß."

Sie haben nichts getan, um den Hype am Kochen zu halten, um die Medien zu bedienen?
Anna: "Nicht, dass ich mich daran erinnere. Ich hatte nicht die Zeit, die Energie, die Gerissenheit und die Erfahrung, um die Medien zu instrumentalisieren. Heute weiß ich, dass man Journalisten benutzen kann, damals habe ich einfach getan, was mir im Kopf rumschwirrte. Ich habe nie gedacht: Ich trage dieses Kleid, damit man meine Beine sieht, dann stehen am nächsten Morgen wieder Fotos von mir in der Zeitung. Nie im Leben! Nichts war orchestriert, es gab keinen Masterplan. Wir haben uns nicht hingesetzt und überlegt, welches Image ich haben sollte: Lolita, Femme Fatale oder Diva."

Es war nicht das Wichtigste an Ihrem Aufschlag, dass Ihr Shirt nach oben rutscht und man Ihren verschwitzten Bauchnabel sieht?
Anna: "Wie bitte? Das ist doch völliger Nonsens. Das sind doch Männerphantasien. Außerdem sehen die Frauen auf dem Tennisplatz heute genauso aus."

Weil es Teil des Geschäfts geworden ist?
Anna: "Nein, weil es ein menschlicher Körper ist. Warum soll man ihn verhüllen, wenn es nicht nötig ist? Beachvolleyballerinnen spielen im Bikini - stört das jemanden? Oder nehmen Sie die Leichtathletik, da tragen die Frauen quasi Unterwäsche. Niemand sagt: Mensch, die läuft 100 Meter, und dann sieht man ihren Bauchnabel."

Wenn Sie die Vermarktungsmaschine um Sie schon nicht stoppen konnten - haben Sie jemals versucht Sie zu bremsen?
Anna: "Ich habe es nie als Maschine betrachtet. Alles, was ich gemacht habe, war doch: Tennisspielen, Pressekonferenzen, hier und da mal für Fotos posieren. So machen es doch jetzt Ana Ivanovic, Marija Scharapowa und Daniela Hantuchova auch. Jede Spielerin in den Top 20 macht das."

1994 haben Sie nach einer Niederlage gegen Martina Hingis gesagt: "Du hast zwar gewonnen, aber ich bin viel hübscher und kann viel mehr Geld verdienen als du." Bereuen Sie das?
Anna: "Ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben. Und viel entscheidender ist außerdem die Antwort auf die Frage: Wie genau hört man hin, wenn eine 13-jährige etwas sagt? Der springende Punkt ist, die Leute denken an einen Teenager, wenn Sie meinen Namen hören. Und wer sagt keine dummen Sachen, wenn er jung ist? Was ich mich heute frage: Wie kann ein erwachsener Journalist ein Mädchen, 13 oder von mir aus auch 16 Jahre alt, ernst nehmen? Wenn ich heute einer 16-jährigen zuhöre, dann denke ich: Haha, rede du mal!"

Martina Hingis war kein Medienliebling, aber mit 16 schon die Nummer eins der Weltrangliste. Die Schweizerin hat fünf Grand-Slam-Titel gewonnen. Würden Sie gern mit ihr tauschen?
Anna: "Auf gar keinen Fall. Zwar ist Martinas Karriere mehr als großartig, sie ist phantastisch, aber ich wäre heute nicht der Mensch, der ich bin, hätte ich nicht all die Erfahrungen gemacht. Ich bin zufrieden mit mir, fühle mich wohl. Ich habe eine unglaubliche Reise hinter mir, ich weiß, was ich erreicht habe. Ich bin in Moskau aufgewachsen, im Kommunismus, wir hatten eine kleine Zweizimmerwohnung, ich habe bei minus 20 Grad draußen Tennis gespielt. Inzwischen habe ich jeden Kontinent bereist, habe ausgesorgt, und ein echter Tennisfan kennt meine Ergebnisse. Ich war die Nummer acht der Weltrangliste, und ich habe sehr viele Spielerinnen geschlagen, die auf Rang eins standen: Steffi Graf, Arantxa Sanchez, Lindsay Davenport, Martina Hingis, Kim Clijsters."

Wie sehr hat es Sie im Laufe Ihrer Karriere belastet, keinen Einzeltitel gewonnen zu haben?
Anna: "Je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich unter Druck gesetzt. Manchmal hatte ich im Finale Pech, manchmal war ich verletzt, manchmal die Gegnerin an dem Tag einfach besser. Aber klar: Ich habe auch Spiele verloren, die ich hätte gewinnen müssen."

Woran lag das?
Anna: "Ich kann mich nur kurz konzentrieren. Das ist meine große Schwäche. Ich habe ein Match oft gut angefangen, dann war ich mit meinen Gedanken plötzlich woanders - und bevor ich wusste, was los ist, lag ich deutlich zurück. Das geht mir bei anderen Dingen genauso: Wenn ich etwas schreibe, verliere ich leicht den Faden. Ich bin auch sehr ungeduldig, auf dem Platz fehlte mir die Ruhe. Ich reiße auch Geschenke immer sofort auf."

Ihre Konkurrentinnen haben in der Umkleide vor dem Fernseher gesessen und gejohlt, wenn Sie verloren haben. Hat Sie das gekränkt?
Anna: "Wenn man eine öffentliche Person ist, dann gehören Kritik und Neid dazu. Das zu ertragen ist Teil des Jobs. Man kriegt eine dicke Haut, aber am Ende des Tages bin ich auch nur ein Mensch."

Andere Spielerinnen warfen Ihnen vor, den Platz als Laufsteg zu missbrauchen, Ihr langer blonder Zopf, die Art, wie Sie sich bewegt hätten. War der Center Court Ihre Bühne?
Anna: "Was hätte ich bitte tun sollen: mir die Haare abschneiden? Haben Sie mich mal spielen sehen?"

Aber sicher.
Anna: "Und? Sah das irgendwie seltsam aus für Sie? Unterschied es sich von dem, was heute Marija Scharapowa, Venus und Serena Williams machen?"

Nicht wirklich.
Anna: "Also! Da haben Sie Ihre Antwort."

Können Sie denn die Schadenfreude und Missgunst der anderen verstehen?
Anna: "Irgendwas mussten sie halt sagen. Menschen reden. Und wenn es nichts zu erzählen gibt, tratschen sie. So ist das eben. Stellen Sie sich ein Büro vor, 150 Mitarbeiter - ich bin mir sicher, da verstehen sich auch nicht alle gut miteinander. Die Leute sollten sich mehr auf sich selbst konzentrieren. Gucken Sie doch mal, die Spielerinnen heute, wie die beim Schlagen stöhnen. Die schreien fast. Wenn ich das gemacht hätte, hätten sie mich gekillt. Man muss es so sehen: Wenn sie über dich reden, bedeutet das, sie nehmen dich wichtig."

Die Belgierinnen Kim Clijsters und Justin Henin, die Japanerin Kimiko Date - sie alle spielen nach zum Teil jahrelanger Pause wieder Profitennis, Clijsters hat im September sogar die U.S. Open gewonnen. Sie haben Ihr letztes Match auf der Tour im April 2003 bestritten, sind aber nie offiziell zurückgetreten. Wann können wir mit Ihrem Comeback rechnen?
Anna: "Ich spiele noch regelmäßig, fast täglich, absolviere Schaukämpfe und starte im World Team Tennis, das ist ein Mannschaftswettbewerb in Amerika. Ab und zu denke ich, ich sollte es noch mal bei den Profis versuchen. Aber wenn, dann möchte ich auch in Top-Form sein, dann müsste ich vorher täglich mindestens sechst Stunden trainieren. Ich weiß nicht, ob mein Körper das noch mitmacht. Er ist sehr anfällig für Verletzungen. Ich habe mit 5 angefangen zu spielen, mit 21 habe ich die Konsequenzen gespürt: Die Füße, der Rücken, die Knöchel haben nicht mehr mitgemacht."

Die Amerikanerin Billie Jean King, die das Damentennis Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre dominierte, hat einmal gesagt: "Eine Tennisspielerin und eine schöne Frau haben etwas gemeinsam: Sie wissen, das Beste ist vorbei, wenn sie noch jung sind." Sehen Sie das auch so?
Anna: "Da muss ich widersprechen. Wenn man alt ist, ist man auf eine andere Art hübsch und attraktiv. Ich liebe es, älter zu werden, man erfährt immer mehr über sich selbst und andere. Jedes Jahr sage ich mir an meinem Geburtstag: Wieder ein Jahr dazugelernt. Ich mag mich jetzt mehr, wo ich älter bin, ich schätze mich mehr. Ich würde niemals reinere Haut, jüngeres Aussehen eintauschen gegen geistige Entwicklung, Erfahrung und Wissen. Ich freue mich auf das, was noch kommt. Ich möchte nicht noch einmal 18 sein."

 

Das Gespräch führte Redakteur Maik Großekathöfer

 

 

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